Christine Zemp
dipl. Musikerin, Musiktherapeutin
und dipl. Psychogeriatriefachfrau

Im Herbst des Lebens vom Frühling schwärmen?

Zemp-Meier, Christine. (2017). In Fachzeitschrift für Palliative Geriatrie, 3, 32-34.

Der Frühling hat in unserem Erleben einen bedeutenden Platz

Musik laufen lassen, aufmunternde Frühlingslieder singen, und schon können tief im Herbst des Lebens stehende Menschen das Schwere vergessen? So einfach ist es nicht. Musik, therapeutisch eingesetzt, will mehr als ablenken und schon gar nicht die Sehnsucht nach Halt und Trost einfach übertünchen.

Sind Frühlingsgefühle überhaupt ein Thema in einer Langzeit-Pflegeeinrichtung? Ist "Frühlingsmusik" nicht deplatziert in der Palliativen Geriatrie? Dieser Frage bin ich anhand eines Fallbeispiels, einer musiktherapeutischen Begleitung während dreier Jahre, nachgegangen.

Frühling und Frühlingserleben

Frühlingsstimmungen beflügeln Dichter, werden in vielen Volksliedern besungen, klassische Musik ist reich davon. Auch das Zyklische der Jahreszeiten, das Eingebundensein in eine höhere Ordnung begegnet mir in meiner Arbeit mit alten Menschen immer wieder.

Der Frühling hat in unserem Erleben einen bedeutenden Platz: Weshalb sonst würden wir nach einem verregneten Mai einen Sommer lang klagen, wir hätten keinen Frühling gehabt? Das Gefühl, um den Frühling betrogen worden zu sein, wirkt nachhaltig. Ein gut erlebter Frühling ermöglicht einen guten Sommer und einen zufriedenen Herbst.

 
Es ist schwer, in den Herbst des Lebens hinein gehen zu müssen (Todesnähe), wenn der Lebensfrühling (Wärme, Geborgenheit, Aufbruchstimmung) »verregnet« war oder gar nie stattgefunden hat.

Frühlingsgefühle

Frühling im wörtlichen und im übertragenen Sinn ist emotionsgeladen. Im Lebensherbst (noch einmal) Gefühle leben und erleben erleichtert es, den Herbst zu akzeptieren. Es gilt, gute Erinnerungen zu reaktivieren, aber ebenso, schweres und unverarbeitetes auszudrücken. Noch einmal, vielleicht gar zum ersten Mal, intensiv zu leben.

Eine Musiktherapeutische Begleitung

Frau H. litt zunehmend unter dementiellen Symptomen; eine individuelle Musiktherapie war angezeigt. In den ersten Stunden liess sie sich mit Freude auf alles ein, was ich ihr anbot. Eine kleine Leier gefiel ihr besonders gut.
Es meldete sich ein unerfüllter Jugendwunsch als sie erzählte, wie sie früher Handharmonika gespielt habe, weil es "nichts anderes gab"; dabei hätte sie gern "etwas Feines gespielt". Während dieser Dialoge, die wir mit Tönen und verbal führten, war Frau H. in einer unbeschwerten Grundstimmung. Sie lachte viel, und ihre kecke Seite kam zum Zug. Zum Abschluss sangen wir oft das Lied "Im Frühtau zu Berge"; es passte zur Stimmung und war mit positiven Erinnerungen verknüpft.

Bald sprach sie immer häufiger auch über schweres aus ihrem Leben. Diese Gespräche taten ihr sichtlich gut.
Daneben kam "etwas Feines" neu ins Spiel, empfindsame Seiten ihrer Persönlichkeit wurden lebendig und wollten gehört werden. Damit begann eine weitere Etappe durch eine besonders schwierige Zeit.

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